Frau schwanger in Edinburgh

Geschichte, die ich meinem Sohn über seine Geburt erzählen werde

Meine Mutter hat mir niemals die Geschichte meiner Geburt erzählt. Oft habe ich mich nicht richtig, nicht passend, nicht angenommen gefühlt und hatte keine Ahnung, warum das so war. Irgendwann mit Ende 20 war ich auf einem Seminar über das „innere Kind“ und wir haben uns über die Geburt ausgetauscht. Eine der Aufgaben war, sich über die eigene Geburt zu informieren bzw. eigene Mutter zu fragen, wie es so gewesen ist. Meine Mutter hat mir nur erzählt, wie furchtbar meine Geburt für sie gewesen ist. Sie wurde im Kreißsaal liegen gelassen und wäre fast verblutet. Ich war damals richtig geschockt und irgendwie verwirrt darüber, warum meine Mutter mir nicht leidgetan hat. Als Kind habe ich mich damals einfach im Stich gelassen gefühlt. Ich wünschte mir, sie hätte mir eine andere Geschichte erzählt. Dass ich ein Wunder wäre, das ihr passiert ist und auch, wenn die Geburt für sie ein Horror gewesen ist, wäre sie doch froh, dass es mich gibt. Ich konnte ja nichts dafür. Mit ihrer Rhetorik hat sie mich dafür indirekt verantwortlich gemacht.

Heute hat mein Sohn seinen 7. Geburtstag. Wir werden unseren Abend zu zweit verbringen und ich dachte, ich werde ihm die Geschichte seiner Geburt erzählen. 

Mittlerweile weiß ich, dass wir – Menschen mehrere Möglichkeiten haben, unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Ja, stell dir vor, wir können es steuern. 

Ich und du, wir können uns entscheiden, ob wir eine gute Geschichte oder Horrorgeschichte erzählen. Über unser Business, unser Leben, unsere Familie. 

Ich entscheide mich bewusst für eine gute Geschichte. Und dabei geht es mir nicht darum, zu lügen oder sich etwas Schmuckes auszudenken. Nein, es geht um einen anderen Blickwinkel. Es geht um Fokus auf das, was gut gelaufen ist.

Und hier ist sie, die Geschichte, die ich meinem Sohn erzählen möchte.

Für mich war deine Geburt die kraftvollste Erfahrung meines Lebens. Vorher wusste ich gar nicht, dass ich so mächtig bin. Mit deiner Geburt habe ich meine Kraft richtig körperlich gespürt. Bevor ich schwanger geworden bin, ging es mir nicht so gut, ich war einige Monate krank und meistens schlecht gelaunt. Und dann passierte dieses Wunder – ich habe erfahren, dass ich schwanger bin. Ich saß mit meiner Freundin im Cafe Ansari in Wien und wir weinten beide vor Glück, weil wir uns bereits so auf dich gefreut haben. Als du in meinem Bauch gewohnt hast, warst du meistens ruhig und entspannt, ich hatte richtig Freude mit dir. Einige Ärzte haben versucht mich zu verunsichern, war ich doch bereits 37 Jahre alt und zählte offiziell zu Risikogruppe, aber du und ich – wir waren schon damals ein Team und haben alles richtig gemacht. 

Du bist so fleißig gewachsen und ich habe mich wunderbar gefühlt. Mit 10 Kilo mehr auf der Wage waren wir mit dir in Dänemark und Großbritannien. Ein Monat vor deiner Geburt hat mich dein Papa auf den höchsten Berg von Edinburgh geschleppt und um meine Hand angehalten. Also, ich kann nur sagen, du hast ziemlich früh angefangen zu reisen.

Bei deiner Geburt hast du dir dann richtig viel Zeit gelassen, ich hatte über 19 Stunden Wehen, das war sehr intensiv. Wir hatten Glück, in der Klinik hatte gerade eine Hebamme ein Praktikum gemacht und so haben wir jemanden, der genügend Zeit nur für uns gehabt hat. Hannah, so hieß diese junge Frau, hat sich wundervoll um uns gekümmert. Du bist auf natürlichem Weg auf die Welt gekommen und 3 Powerfrauen: Hebamme, Frauenärztin und Kinderärztin haben deine Geburt kraftvoll unterstützt. Dein Papa hat sich irgendwann zurückgezogen und gesagt: „Ich überlasse das Feld den Powerfrauen“. So war es den auch. Als du dann geboren wurdest und ich dich gesehen habe, war mein erster Gedanke: “Endlich ist er da.” Ich war nämlich sehr neugierig und auch ziemlich müde von dem Ganzen. Ehrlich gesagt, so eine Geburt ist ein großer Kraftakt für die Mamas. 

Nach deiner Geburt hast du dir etwas Zeit mit dem Atmen und Schreien gelassen, sodass dein Papa und Ärzte dich schnell untersuchen mussten. Wir haben uns ein Paar Minuten Sorgen gemacht. Hast du dein erstes Foto gesehen? Da ist der Arm von deinem Papa drauf. Danach sind wir in unser Zimmer gegangen, wo auch andere Mütter mit ihren Babys geschlafen haben. Es war übrigens 3.08 Uhr in der Früh, als du geboren wurdest. Ich habe mich ins Bett gelegt und du lagst auf meiner Brust und hast so süß geschlafen. Ich lag einfach so da und habe mich nicht getraut, mich zu bewegen, damit du nicht gestört wirst. Das war ungewohnt und schön zugleich.

Du bist einfach wunderbar, mein Sohn. 

Durch dich habe ich meine Intuition wiederentdeckt und weiß jetzt, dass ich mich darauf sehr gut verlassen kann.

Ich habe meine körperliche Kraft entdeckt und schaue jetzt immer noch sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Durch dich ist mir bewusst geworden, was im Leben wirklich zählt.

Ich danke dir, dass du mich als deiner Mutter ausgewählt hast.


Ich weiß nicht, ob du mit deinen Kindern über ihre Geburt gesprochen hast. Ich möchte mit dir meine Geschichte, die ich meinem Sohn erzählen möchte, teilen und dich vielleicht etwas bestärken, dasselbe zu tun. Du musst aber deine Geschichte mit niemandem teilen, du kannst sie einfach als eine „gute Geschichte“ für dich aufschreiben, damit sie kraftvoll und wunderbar ist.

6 Kommentare zu „Geschichte, die ich meinem Sohn über seine Geburt erzählen werde“

  1. Liebe Natalia, es sind die Geschichten, die bleiben und die unsere Sicht auf die Welt, das Leben und vor allem auf uns selbst prägen. Und es liegt an uns, die Geschichten auszuwählen (sorgsam auszuwählen!), die wir einander erzählen wollen. Und zu entscheiden, wie wir sie erzählen wollen. Für eine bessere Welt. Dein wundervoller, kraftvoller Artikel zeigt genau in diese Richtung. Vielen Dank dafür, Birgit

  2. Liebe Natalia, deine Geburtsgeschichte hat mich sehr bewegt! Zwischen den Zeilen konnte ich herauslesen, wie schwer die Geburt gewesen sein muss. Mit deinen Worten und deinem Blickwinkel hast du das Erlebnis aber zu etwas Wunderschönem und Kraftvollen werden lassen. Wie wertvoll für deinen Sohn!
    Liebe Grüße von Wiebke

  3. Wie schön Natalia, ich freue mich sehr über deinen Blogartikel. Ja, es kommt immer auf den Blickwinkel an. Wir sind die Schöpferinnen unserer Wirklichkeit. Wenn ich von der Geburt meines Sohnes erzähle und erwähne, dass sie über 30 Stunden gedauert hat, können es manche Zuhörer*innen fast nicht fassen, dass ich am Tag nach der Geburt sagte, dass ich es morgen gleich wieder tun würde. Wenn ich zurückschaue auf mein Leben (ich bin unterdessen dreifache Großmutter), waren die Geburten die schönsten Momente. Du erzählst so schön von diesem besonderen Moment, Natalia. Ich gratuliere dir zur Geburt deines Sohnes und wünsche euch heute einen schönen Geburtstagsabend. Alles Liebe Romy

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